Direkte Erfahrung ~ Direct Pointing

Für die Untersuchung der Ich Illusion und der anderen Fesseln arbeiten wir mit der direkten Erfahrung. Ich möchte dich einladen herauszufinden, was das ist.

Setzt dich gemütlich hin, schließe deine Augen. Atme ein paar Mal tief durch. Und dann mache dich auf die Suche nach deiner Grenze. Wo hörst du auf? Wo fängt die Welt/die Umgebung an? Kannst du mit geschlossenen Augen eine Grenze finden zwischen deiner Haut und deinem Pulli oder deiner Hose? Den Socken? Was ist dort, wo du die Grenze vermutest?

Dann öffne die Augen. Beobachte, was passiert! Ist da ein Ich, das aus deinen Augen schaut? Schaust du aus deinen Augen? Machst du das Sehen? Oder ist da vielleicht einfach nur Sehen?

Was ist Ich? Selbst? Schau mal nach, kannst du es finden? Bist du es, die denkt?

Beobachte deine Gedanken. Kannst du die Denkerin finden?
Beobachte dein Handeln? Kannst du die Handelnde finden?

Setze dich wieder gemütlich hin, schließe die Augen. Und beobachte die Gedanken. Wie sie kommen. Einer nach dem anderen.

Was machen die Gedanken?

Sie benennen alles, was du erlebst, was du fühlst. Sie analysieren, interpretieren, kategorisieren. Schau nach! Stimmt das?

Schau dich im Raum um. Beobachte, wie die Gedanken Geschichten erzählen und Dinge benennen.

Für die Untersuchung der 10 Fesseln untersuchen wir das Erleben, bevor ein Gedanke es interpretiert.

Warum? Weil die Illusion hauptsächlich vom Denken kreiert wird. Ich ist ein Konzept. Ich ist kein echtes Ding. Ich ist eine Fantasie. Ich ist eine Täuschung.

Als Babies hatten wir noch kein Konzept von Ich. Wir waren nicht durch Ich vom Erleben getrennt. Es gab nur das reine Erleben: Hören, sehen, spüren, riechen, schmecken. Ich entwickelte sich erst später, als wir sprechen lernten.

Gedanken benennen nicht nur Dinge, sondern auch Handlungen: Ich gehe, ich spreche, ich tippe, ich lese, ich atme, ich schlafe. Wenn du diese Benennung nun änderst in: Gehen, sprechen, tippen, lesen, atmen, schlafen – was passiert dann?

Gibt es wirklich Ich, das handelt?

Beobachte den Atem. Bist da Du, die atmet? Bist da Du, die morgens aufwacht? Bist da Du, die schlafen geht? Hörst du auf zu atmen, wenn du Ich streichst? Ohne den Gedanken “Ich denke”, findet das Denken trotzdem noch statt?

Du hörst ein Geräusch. Und Gedanken über das Geräusch erscheinen. Das Auge sieht ein Objekt und das Objekt wird benannt. Beobachte das!
Wo du auch gerade bist, fokussiere dich auf das, was gerade vor sich geht. Und bemerke wie die Gedanken alles benennen und Geschichten darüber erzählen.

Ich ist eine Erfindung, eine Vorstellung, Fiktion. Aber mit der Zeit gewöhnten wir uns so sehr daran, dass wir Ich nun für real halten.

Die Gedankenkonzepte legen sich Schicht für Schicht über das Erleben. Und dieser Belag wird mit der Zeit immer dicker und undurchdringlicher.

So undurchdringlich, dass wir das Erleben bald nicht mehr unmittelbar erfahren können. Und irgendwann sehen wir nur noch den Belag.

Nun halten wir den Belag für die Realität, für wahr. So leben wir unser Leben. Wir sind von unserem unmittelbaren Erleben getrennt, weil wir annehmen, dass die Schicht aus Gedankenkonzepten das ist, was ist. Aber ein Gedanke ist nicht wahr. Der Inhalt jedes einzelnen Gedanken ist eine Geschichte. Eine Fantasie.

Natürlich ist Denken nützlich. Wenn wir zum Beispiel eine Brücke oder ein Haus bauen wollen. Aber Denken ist nur ein Werkzeug.

Das Problem ist, dass wir mit dem Werkzeug Denken alles bearbeiten. Ein Hammer ist dafür gemacht, Nägel einzuschlagen. Man kann damit kein Essen kochen. Aber wir hämmern alles mit dem Denken. Einfach, weil wir es nicht abstellen können. Auch bei der Untersuchung der 10 Fesseln, ist es wichtig nicht über die Fragen nachzudenken. Denken hört nie auf. Doch wenn die Denkarbeit getan ist, sollten wir das Werkzeug beiseite legen.

Wir müssen dafür nicht die Gedanken am Erscheinen hindern. Das können wir gar nicht. Aber wir können Gedanken als das sehen, was sie sind und uns nicht von ihnen täuschen lassen. Der Gedankenbelag ist kein Problem, solange wir wissen, dass er ein Belag ist.

Und um dies klar zu erkennen, ist es so wichtig, sich bei der Untersuchung der Illusion an die direkte, unmittelbare Erfahrung zu halten. Denn wir können sie nicht mit dem gleichen Werkzeug enttarnen, das sie erschafft.

Vertraue deiner unmittelbaren Erfahrung. Wenn du dabei bleibst und einfach schaust und schaust, und hörst und riechst und fühlst und schmeckst, wirst du in der Lage sein zu unterscheiden, was du gerade erlebst und was von den Gedanken hinzugefügt wird.

Denn darum geht es bei der ganzen Sache hier. Was erleben wir wirklich und was denken wir uns dazu.

Und du wirst erstaunt sein, wie viele schwierige Fragen über das Leben, das Universum und den ganzen Rest durch die direkte Erfahrung beantwortet werden können.

Immer wieder schauen und sehen was wirklich ist und was die Gedanken dazudichten. Das ist es. Das ist alles, was du machen musst.

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