Warum reagieren wir emotional?

Einführung in die Untersuchung von Wunsch und Widerwillen.

Warum reagieren wir eigentlich emotional, wenn die Dinge nicht so sind, wie wir sie gerne hätten?

Warum akzeptieren wir nichts einfach so, wie es ist?
Warum versuchen wir ständig das Erleben zu verändern?
Wieso glauben wir eigentlich allen Ernstes, dass wir das könnten?
Oder dass wir sogar das Recht haben, dass alles so läuft, wie wir es wollen?

Wir wollen uns gut fühlen!
Es soll uns besser gehen!
Die Zukunft soll rosig für uns sein!
Wir wollen schöne Erinnerungen haben!

Dafür müssen wir die Wirklichkeit verbiegen.

Deshalb entwickeln wir oft einen so großen Unmut. Sind ständig im Widerstand. Im Kampf. Wir leiden.

Wir reagieren emotional: Frustriert, verärgert, gereizt, ängstlich, sehnsüchtig, neidisch…

Von Konstruktivität und Ballance keine Spur.

Wir sind gereizt, weil der Regen uns den geplanten Ausflug vermiest.
Sauer, weil der Bus sich verspätet.
Frustriert, weil wir es nicht schaffen den Drucker zum Laufen zu kriegen.

Wir nehmen das persönlich:
Sind beim Camping sauer auf das Zelt, weil es dem Wind nicht stand hält.
Sind wütend auf uns selbst, weil wir es nicht schaffen ruhig mit dem Kind zu reden, das sich nicht die Zähne putzen will.

Der Mann mosert nur rum. Die Politiker können gar nichts richtig machen. Die Frau gibt uns nicht das Gefühl, dass sie uns wirklich liebt.

Wir essen zu viel Süßes, trinken zu viel Bier, schauen ständig aufs Smartphone.

Dass sich der Bus verspätet ist einfach ein Fakt. Warum reagieren wir emotional darauf?

Was wäre, wenn all unsere Interpretationen darüber, wie das Leben sein sollte, einfach Erzählungen sind, die keine fundamentale Grundlage in der Realität haben? Das Leben scheint hart zu sein, wenn wir hart sind, und es scheint nett zu sein, wenn wir freundlich sind. Wenn wir uns vom Leben trennen, indem wir zum Lebensrichter werden, spüren wir die Trennung, die wir in unserem Geist geschaffen haben.

Adyashanti

Warum reagieren wir?

Die Begriffe Wunsch und Widerwillen werden als Platzhalter für die Gründe unserer Reaktion verwendet.

Wie die Ich Illusion sind Wunsch und Widerwillen nichts, was wir wirklich haben oder sind. Sie sind eine Illusion. Es gibt überhaupt keinen Grund aus dem wir reagieren. Wir glauben das nur.

Wir glauben, dass es etwas in uns gibt, das das, was geschieht interpretiert – und zwangsläufig reagiert.

Es fühlt sich so an, als gäbe es einen ständigen Austausch zwischen uns hier drinnen und der Welt da draußen. Als wäre es unsere ganz persönliche Eigenschaft oder Aufgabe mit dem Draußen in ständiger Interaktion zu sein: Erleben, wahrnehmen, verarbeiten, abgleichen, vergleichen, abwägen, interpretieren, reagieren.

Wir beziehen alles, was wir erleben auf uns Selbst. So als wären wir irgendwie involviert. Als hätten wir etwas dazu zu sagen. Als könnten wir etwas entscheiden. Als hätten wir die Kontrolle.

Was wir uns wünschen, was wir ablehnen und wie wir reagieren definiert unser Selbst. So können wir sagen:

| Das bin Ich | Das bin ich nicht |

Es ist faszinierend zu beobachten, wie wir uns zuerst eine Vorstellung von allem machen und dann versuchen die Wirklichkeit hineinzuquetschen.

Was sind Wunsch und Widerwillen?

Wunsch ist „Ich will…“
Der Wunsch etwas (oder mehr von dem) zu bekommen, was wir wollen, damit wir glücklich sein können.

Widerwillen ist „Ich will nicht…“
Der Widerwillen gegen etwas, das wir nicht (mehr) haben wollen, damit wir glücklich sein können.

Auch ohne das Selbst gibt es noch Selbstbezogenheit. Mit dem Durchschauen der Ich Illusion verschwinden Wunsch und Widerwillen nicht. Im Gegenteil werden sie jetzt erst deutlich spürbar. Das Selbst war so stark, dass wir den Sog zur Reaktion nie wirklich bemerkt haben. Empfindungen und Reaktionen lagen so nah beieinander, dass der Unterschied nicht zu erkennen war.

Die Wirklichkeit ist sich selbst treu, sie ist verlässlich immer die Wirklichkeit. Widersetze dich ihr, und es wird weh tun, immer wieder.

Adyashanti

Die Lücke finden

Welcher Unterschied?

Was passiert eigentlich genau, wenn wir auf eine Situation emotional reagieren?

Solange der Körper lebt, wird es immer Sinneserfahrungen und Körperempfindungen geben. Man könnte sogar sagen, dass Sinneserfahrungen und Körperempfindungen das Leben selbst sind.

Sie sind was passiert und was wir empfinden.

Körperempfindungen können neutral, angenehm oder unangenehm sein. Wenn die Empfindungen angenehm sind, wollen wir mehr davon (Wunsch). Wenn die Empfindungen unangenehm sind, wollen wir weniger davon oder sie ganz los werden (Widerwillen).

Je stärker die Empfindungen, je stärker die Reaktion. Starke Empfindungen können extrem schmerzhaft sein. Ob wir uns den Kopf stoßen, oder kritisiert werden ist dabei letztlich egal.

Es gibt also zunächst Sinneswahrnehmungen und darauf folgende Körperempfindungen. Natürlich immer in dem Tempo wie unser Körper die Daten verabeitet. Das ist der natürliche und unvermeidliche Vorgang. Das ist das Leben.

Auf starke Empfindungen folgt dann meistens eine Reaktion.

Wenn wir genauer hinsehen entdecken wir, dass es eine Lücke gibt zwischen den Körperempfindungen und der Reaktion. Diese Lücke zu erkennen erfordert etwas Übung, denn es läuft alles sehr schnell ab.

Die Lücke ist kein schöner Ort. Denn die starken Empfindungen wollen wir so schnell es geht loswerden. Wir halten das nicht aus. Und so zieht es uns in die Reaktion, bei der die Empfindungen überlagert werden von anderen Gefühlen wie Wut, Ärger oder Frust – und Gedanken.

Überraschenderweise sind diese Gefühle nicht gerade angenehmer und so entwickelt sich eine endlose Reaktionsspirale – wir steigern uns rein.

Es erfordert also einiges an Durchhaltevermögen Zeit in der Lücke mit den Empfindungen zu verbringen. Und dann ist da noch der Sog, der uns in die Reaktion ziehen will. Denn wir wollen unbedingt etwas machen, um uns aus dieser Misere zu befreien. Um uns Erleichterung zu verschaffen. Nur allzugerne nehmen wir die erste Möglichkeit an, die sich bietet, um hier wegzukommen. Dieser Drang zu reagieren erscheint uns absolut naheliegend und richtig. Und so überschreiten wir die Lücke. Die Kluft. Die Schlucht. Und landen auf der anderen Seite.

Um Wunsch und Widerwillen zu untersuchen müssen wir es schaffen in diesem Spannungsfeld auszuharren. Dem Sog zur Reaktion standzuhalten. Denn nur hier können wir herausfinden, ob es diesen Grund zu reagieren tatsächlich gibt. Ob die Reaktion wirklich der einzige Weg ist. Ob es nicht auch eine andere Möglichkeit gibt, als die Schlucht zu überqueren.

Glück bedeutet nicht, dass der Fluss des Lebens in eine bestimmte Richtung fließt. Der Fluss des Lebens tut, was er tut. Freiheit ist das Ende derjenigen, die es persönlich nehmen.

Lisa Cairns

Warum reagieren wir? Was ist der Grund?

Hier in der Lücke müsste dieser Grund zu erkennen sein.

Wir sind bei den Körperempfindungen, spüren den Drang zu reagieren, halten aus.

Wunsch oder Widerwillen müssten jetzt also sichtbar sein!

Sie sind der Grund. Sie sind dieser Mechanismus, dieser Trigger der uns wütend werden lässt, ärgerlich oder gereizt. Wunsch und Widerwillen sind die Brücke über die Schucht.

Wo in uns ist das, dass das was geschieht verarbeitet, abgleicht, vergleicht, abwägt, interpretiert und uns schließlich unvermeidlich reagieren lässt.

Wo genau findet dieser Austausch zwischen uns hier drinnen und der Welt da draußen statt? Wo ist dieser Punkt? Die Schaltzentrale. Hier in der Lücke ist ihr Arbeitsplatz. Haben sie ihr Büro. Hier müssten sie zu beobachten sein.

Wie nach dem Ich suchen wir in der direkten Erfahrung nach Wunsch und Widerwillen. Nach dem Grund aus dem wir reagieren. Nach einem Knopf, der gedrückt wird. Eine Maschine, die in Gang gesetzt wird.

Gibt es hier drinnen wirklich etwas, was eine Reaktion nötig macht?

Es kann eine Weile dauern, bis klar ist, dass dieser Grund nicht gefunden werden kann. Doch wenn Gewissheit darüber besteht, dass es Wunsch und Widerwillen nicht gibt, dass nirgends ein Knopf zu finden ist, der gedrückt werden könnte – wird die Schlucht nicht mehr überbrückt werden.

Wir müssen die Dinge nicht exakt so haben, wie sie uns vorschweben, sondern exakt so, wie sie sind.

Adyashanti

Wir reagieren nicht mehr emotional

Der Wunsch, die Dinge mögen anders sein, als sie sind – ist als Illusion entlarvt. Die Reaktionen verschwinden.

Wie bei der Ich Illusion könnte es sein, dass wir diesen Fakt zunächst rein intellektuell verstehen. Es könnte sein, dass wir Reaktionen dann einfach unterdrücken.

Wie bei der Ich Illusion geht es nicht um ein Verstehen. Verstehen hilft nicht viel.

Wir brauchen eine erfahrungsgemäße Gewissheit darüber, dass Wunsch und Widerwillen Illusionen sind. Dann verschwinden die emotionalen Reaktionen ganz von selbst. Ohne dass wir daran arbeiten oder willentlich unsere Einstellung oder unser Verhalten ändern müssten, wie es zum Beispiel bei einem Coaching oder einer Therapie angestrebt werden könnte.

Kein Moment kann anders sein

Es wird klar sein, dass kein Moment anders sein kann, als er gerade ist. Es besteht keine Notwenigkeit etwas zu verändern. Denn was geschieht ist nichts persönliches.

Wir beziehen nichts, was wir erleben auf uns Selbst. Wir sind nicht irgendwie involviert. Es ist klar, dass wir nichts entscheiden brauchen und Kontrolle eine Illusion ist.

Deswegen sind wir nicht gleichgültig. Wir werden nicht zum Opfer der Umstände. Ganz im Gegenteil.

Dadurch, dass wir nicht mehr gegen das ankämpfen, was sich ereignet und die Dinge nicht mehr auf eine bestimmte Art sein müssen, damit wir glücklich sein können, gewinnen wir die Freiheit mit dem Kämpfen aufzuhören. Wir verlassen die Opferrolle und können frei und konstruktiv agieren.

Das Leiden endet – weitgehend.


Wunsch und Widerwillen sind die tiefgreifendsten Fesseln. Es sind die Annahmen wir hätten den Hang nach angenehmen Empfindungen und den Hang, alle unangenehmen Empfindungen vermeiden zu wollen.

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