Wie fühlt es sich an, die Ich Illusion durchschaut zu haben?

In dem Moment, in dem du die Ich Illusion durchschaust, ist alles klar wie Kloßbrühe. Du möchtest dir mit der flachen Hand vor die Stirn klatschen und fragst dich, warum du das vorher nie gesehen hast. Es ist einfach so offensichtlich, so banal.

Der Moment ist tatsächlich zu vergleichen mit dem Moment, als du erkannt hast, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Das er nur eine Figur aus einer Geschichte ist, die dir deine Eltern erzählt haben. Eine Figur, wie all die anderen aus deinen Märchenbüchern. Nur dass dich deine Eltern haben glauben lassen, dass es den Weihnachtsmann wirklich gibt.

Genau so, wie du gesehen hast, dass auch der Weihnachtsmann nur eine Figur aus einer Geschichte ist, ist es die Ich Illusion zu durchschauen.

Du erkennst, dass es das Ich nie gegen hat. Dass es auch nur eine Geschichte ist. Aber wie beim Weihnachtsmann dachtest du, es gäbe das Ich wirklich.

Mehr ist es nicht. Es ist ganz banal. Es hat nichts mystisches, nichts lyrisches, nichts meditatives. Und du wirst dich fragen, warum du das nie gesehen hast.

Deswegen wirst du den Moment, in dem du die Ich-Illusion durchschaust  sofort als solchen erkennen. Es gibt dann keinen Zweifel mehr. Denn das Erkennen findet nicht in Gedanken statt, oder im Traum, oder während der Meditation. Es ist einfach da, im echten Leben, etwas ganz reales.

Du bist der Weihnachtsmann.

Vielleicht solltest du dir vorher, bevor du dich auf die Suche machst, überlegen, wonach du eigentlich suchst. Was ist die Ich Illusion? Was ist das Ich? Der Begriff “das Ich” ist ja doch sehr abstrakt. Du könntest genauso gut sagen, dass es dich nicht gibt. Dich, als Person. Dich, als eigenständige Person, die zusätzlich zur Welt/zum Erleben existiert. Die Ich Illusion ist durchschaut, wenn du erkennst, dass du dieses zusätzliche, von der Welt getrennte, nicht bist.

In diesem Text beschreibt ein Klient, wie es sich anfühlt die Ich Illusion durchschaut zu haben

Frage

Wie würdest du jemandem, der sich noch nie damit beschäftigt hat, beschreiben wie es ist, das Ich als eine Illusion zu erleben und wie sich das auswirkt, so wie du es erlebst?

Antwort

Die Sicht ist frei. Die Fensterscheiben sind von allen Schlieren befreit. Die Sicht ist so klar, dass nicht mehr gewusst wird, ob da überhaupt eine Scheibe ist. So zu leben ist eher eine Freiluftfahrt, ein Cabrio, das nach allen Seiten offen ist. Wind, Sonne, Wärme, Lichter, Geräusche und Gerüche kommen unmittelbar herein, ohne Filter, ohne Sieb. Es ist alles einfach sofort da. Es passt nichts mehr zwischen den Erfahrungen und dem Erfahren der Erfahrungen. Nichts ist dazwischen. Erfahrung und das, was erfahren wird, sind eins. Unmittelbar. Nicht ein einziges Blatt passt dazwischen. Es ist einfach alles sofort da.

Der Weg in die Klarheit ist nicht einfach. Die Erfahrung der Ich-Illusion ist, jedenfalls war es so bei mir, erst einmal schmerzhaft. Der Verlust der Macht, der Kontrolle und des Wissens. Es gibt keine Abwehr mehr. Gedanken und Gefühle kommen nach wie vor. Die ersten Monate, die während des Erfahrungsprozesses erlebt wurden, waren belastend. Schmerzhaft. Sorgenvoll. Wie ein herber Verlust. Wie eine Ungeschütztheit. Rückfälle ins Denken. Aber nutzlos. Es war eine Art längere Ohnmacht. Wehrlosigkeit. Da musste einfach durchgegangen werden.

Plötzlich andere Erfahrungen. Wenn nichts mehr gewusst werden kann, sind auch alltägliche Dinge rätselhaft. Es gab mal einen Tag, an dem ich mich staunend und rätselnd vor der Spülmaschine wiederfand und über die an- und ausgehenden Lampen an ihr den Kopf schütteln musste. Ein andermal stand ich an einer verkehrsreichen Straße und verstand diese Kolonnen von Autos nicht mehr. Ich wusste einfach nicht mehr, warum es wichtig sein kann, mit diesen Metallkarren von hier nach da zu fahren. Es war wie eine Art Fremdheit, so, als wäre ich über China mit meinem Fallschirm abgesprungen und ich verstand fast nichts und konnte mich kaum orientieren. Aber dahinter war auch die langsam wachsende Erfahrung, dass die Orientierung von ganz alleine kommt. Einkaufen kommt, wenn es nötig ist. Essen kommt, wenn sich Hunger zeigt. Impulse entstehen aus sich selbst. Niemand muss da sein, um sie zu planen. Was für eine Energieersparnis!

Es gab auch Tage, da konnte ich kein einziges Gedicht von mir erinnern. Alles weg. Ich musste wirklich bei Amazon nachsehen, wie meine Bücher heißen. Ich wusste auch nicht mehr, was gut ist oder schlecht. Es brauchte eine längere Zeit, dieses Nichtwissen und Nichthandelnkönnen sinken zu lassen. Es tat ein bisschen weh, aber als es auf den Grund sank, war es das Erleben von Schönheit. Denn dann kam doch ein Wissen, oder eher eine Erfahrung, eine Wahrnehmung darüber, dass alles bereits ist, dass es keine Suche geben kann, weil alles bereits da ist, immer und überall, und von alleine geschieht. Es gibt nicht mehr als das, was ist. Und es muss auch überhaupt nichts anderes mehr geben. Dann ein leises Lachen darüber, dass überhaupt irgendwo anders gesucht wurde. Wo soll das sein? Was soll das sein? Wie verrückt diese Suche war. Und so schlicht und einfach ist das Ende der Suche. Alles ist einfach bereits, wie es ist. Das klingt wirklich banal, ist aber in Wirklichkeit unglaublich befreiend.

Es ist ein kleiner Tod, aber einer, der lohnenswerter ist als alles andere, was sonst erlebt wurde. Der Zustand nach diesem “Tod” ist Leere. Nicht aber im Sinne eines Fehlens, eines Verlustes. Ganz im Gegenteil. Eher im Sinne von neuem Raum. Eine andere Weite. Es öffnet sich ein unbegrenzter Raum. Ein Raum ohne Anfang und Ende. Ein Raum, in dem nichts wirklich gewusst wird. In dem niemand ist. Ein Raum der Gegenwart, der überhaupt nichts wissen muss. Der nur empfängt. Und der auch selbst nicht wirklich gewusst wird. Es gibt niemanden, der ihn wissen kann. Er wird einfach gespürt. Obwohl es niemanden gibt, der ihn spürt, wird er trotzdem erfahren. Er ist einfach da.

Was auch wirklich prägt, ist die Erfahrung, dass der Raum zeitlos ist. Zeit entsteht erst, wenn versucht wird, den Raum zu wissen. Zeit ist wissen. Ohne Wissen gibt es keine Zeit in diesem Raum. Das ist ebenfalls sehr erstaunlich.

Das beste Wort für all diese Erfahrungen ist Freiheit. Der scheinbare Verlust des Ich ist der Gewinn absoluter Freiheit. Ein unglaublicher Raumgewinn. Keine Euphorie, keine dauerhaften Glücksgefühle oder ähnliches. Es ist einfach eine unglaubliche Leere, Weite, Unbegrenztheit. Das Ich ist einfach nicht mehr da. Es fehlt weder noch hat es irgendwie einen anderen Einfluss. Eine Art leerer Kleiderschrank. Es hängt einfach nichts drin.

Für mich persönlich war die größte Befreiung die Erkenntnis, dass Gedanken keinen Denker haben. Wenn überhaupt, erscheint der Denker mit dem Gedanken und verschwindet wieder mit ihm. Der Denker ist der Gedanke. Es gibt ihn nicht selbst. Gedanken ohne Denker sind keine Last mehr. Gedanken sind Vögel, die kommen und gehen. Zum Sehen wird kein Seher mehr benötigt, zum Hören kein Hörer, zum Handeln keinen Handelnden. Es ist ein Staunen da, dass das Freiheit ist. Es ist eindeutig die Erfahrung von Freiheit.

Und es ist doch etwas wie Glück dabei. Keine jubelndes Aufspringen. Eher wie ein kleiner leiser Bach, der irgendwo in diesem Raum vor sich hin plätschert. Der Bach der Sorglosigkeit. Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen, alles ist da wie vorher. Aber es gibt keine Sorgen mehr. Sorgen waren Gedanken, die um die Ich-Illusion kreisten. Diese lebte von den Sorgen. Mit dem Verschwinden des Ich gingen auch die Sorgen. Geblieben ist einfach Da-Sein. Das ist Frieden.

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