Wie werden Wunsch und Widerwillen untersucht?

So können wir Wunsch und Widerwillen untersuchen – Schritt für Schritt.

Um Wunsch und Widerwillen zu untersuchen arbeiten wir mit einem grundsätzlichen Problem. Es sollte ein Thema sein, das zuverlässig Reaktionen triggert.

Wir fühlen die Empfindungen, die mit dem Thema verbunden sind, halten uns an ihnen fest, versuchen dem Sog zu reagieren zu widerstehen und uns nicht mitreißen zu lassen. So öffnet sich eine Lücke, als würde etwas auseinander gezogen werden.

Die Lücke ist kein angenehmer Ort. Die Empfindungen können sehr unangenehm sein. Doch mit der Zeit lernen wir sie auszuhalten. Wenn wir für eine Weile stabil in der Lücke bleiben können, beginnen wir mit der Suche nach dem Auslöser der Reaktionen. Denn dieser muss sich irgenwo hier in diesem Spannungsfeld befinden. Wenn wir lange genug suchen, bemerken wir, dass hier nichts ist, was die Reaktion in Gang setzen könnte. Es keinen Grund gibt zu reagieren.

So ist diese Untersuchung alles andere als intellektuelle Theorie oder Reflexion. Es ist kein Nachdenken über das Thema erforderlich. Wir wollen nicht zu einem logischen Schluss gelangen, wir wollen es mit eigenen Augen sehen.

Diese Suche werden wir anhand verschiedener Themen mehrmals wiederholen. Denn Wunsch und Widerwillen werden von Thema zu Thema, von Durchgang zu Durchgang immer mehr geschwächt, bis irgendwann keine Reaktionen mehr auftauchen.

Wunsch und Widerwillen untersuchen

Schritt für Schritt Anleitung

  1. Das Thema finden

Manchmal ist es ganz leicht das Thema zu identifizieren, was uns am meisten beschäftigt, worüber wir uns immer wieder aufregen, was uns aus der Fassung bringt, uns an uns selbst zweifeln lässt, uns traurig macht, uns aus der Bahn wirft.

Es kann aber auch etwas länger dauern und dann ist es so, als grabe man sich von der Oberfläche immer tiefer in den eigenen Abgrund.

Wir können also sofort mit dem großen Lebensthema arbeiten, oder – falls wir uns darüber nicht im Klaren sind – zunächst all die kleinen Alltagsprobleme für die Untersuchung benutzen und uns langsam vorarbeiten.

Was ist es, was fehlt? Was ist es, was es besser nicht gäbe? Was sollte so nicht sein? Was würde, wenn es sich ändern würde, einen tiefgreifenden Unterschied bewirken?

Am Ende ist es doch so, dass alles ans Licht kommt, kommen muss, kommen will. Jedes verdrängte Gefühl, jede schmerzhafte Erinnerung, alles drängt an die Oberfläche, ins Licht und möchte angesehen werden.

Es ist am einfachsten mit einer konkreten Situation zu arbeiten. Eine, an die wir uns lebhaft erinnern können.

  1. Das Thema ansehen

Was ist passiert? Wie reagieren wir?

Wenn wir das Thema gefunden haben, schauen wir es uns genau an. Wir beschreiben das Problem, das wir gerne loswerden möchten. Am besten am Beispiel einer realen Situation, in der wir typischerweise ärgerlich, wütend, ängstlich oder traurig werden.

Wir erzählen die Situation so, als würden wir einer guten Freundin oder dem besten Freund davon berichten.

Was ist passiert? Wer hat was zu wem gesagt? Wer hat was gemacht? Was konnten wir sehen, hören, fühlen? Welche Gefühle waren da? Welche Gedanken?

  1. Unsere Wünsche formulieren

Der nächste Schritt ist, dass wir uns ausmalen, wie die Situation hätte sein sollen. Wie hätte sie ablaufen müssen, damit wir nicht hätten ärgerlich, wütend, ängstlich oder traurig werden müssen? Dass wir zufrieden sein könnten? Was hätte anders sein sollen? Was hätte der/die andere tun oder sagen sollen? Was hätten wir tun oder sagen können? Wie wären wir mit der Situation lieber umgegangen? Was hätte eine dritte Person beobachten können, die zufällig dabei gewesen wäre. Entweder bei uns oder bei einem anderen.

Hierbei sollten wir so präzise wie möglich sein.

Wichtig ist, dass wir uns darauf konzentrieren, was wir uns wünschen. Meistens wissen wir sehr schnell, was wir nicht wollen – und konzentrieren uns darauf. Das triggert die Reaktion. Oder wir fokussieren uns darauf, was andere nicht gesagt oder getan haben. Das führt zu endlosen Gedanken.

Wenn wir uns aber darauf konzentrieren, was wir uns wünschen – aber nicht bekommen haben – arbeiten wir direkt mit einer Tatsache. Die Tatsache, dass wir etwas suchen, was nicht eintritt.

Wir nehmen diese Tatsache, bilden daraus einen Satz und verneinen ihn.

Beispiele:

Ich bleibe nicht ruhig im Umgang mit meinem Partner.

Ich habe keine Frau, die mich liebt und mir Geborgenheit gibt.

Mein Mann äußert seine Wünsche nicht klar.

  1. Mit dem Satz arbeiten

Wenn der Satz gefunden ist, gehen wir so vor:

Wir stellen uns die Situation vor. Sprechen den Satz am besten laut aus. Beobachten ob und welche Körperempfindungen dabei auftauchen, ob es eine Reaktion daraufhin gibt und wie sie sich anfühlt.

Zu jeder Situation gehört ein spürbares Gefühl, oder mehrere Gefühle. Es ist der Körper, der das Leben erfährt. Ein Gefühl ist eine Körperempfindung + Name. Vielleicht ein Druck, ein Stechen, ein Zittern, ein Kribbeln, das Gefühl von Enge oder Weite. Es fühlt sich vielleicht so an, als würde etwas weh tun.

Primäre Körperempfindungen sind das erste was spürbar ist, bevor Gedanken, Geschichten, Handlungen und weitere Gefühle auftreten.

Reaktion ist alles, was uns von den primären Körperempfindungen wegbringt, was sie überdeckt. Es können andere Körperempfindungen sein, Gedanken oder Handlungen.

Erstmal beobachten wir nur. Wir untersuchen noch nichts. Lassen die Körperemfindungen wie sie sind. Machen sie nicht größer oder kleiner, analysieren sie nicht. Es ist nicht wichtig herauszufinden woher sie kommen, warum sie da sind, wie sie entstanden sind. Sie sind einfach eine gegebene Tatsache.

Welche Reaktionen tauchen auf? Welche Gedanken, Geschichten, Handlungen entstehen nach den ersten Körperempfindungen und überdecken sie?

So versuchen wir herauszuarbeiten, was die primären Empfindungen sind, die mit dem Thema zusammenhängen – und was die Reaktionen sind. Denn dazwischen befindet sich die Lücke. Und um hier arbeiten zu können, müssen wir sie erst einmal finden. Das ist manchmal gar nicht so leicht.

Damit sich der Satz nicht abnutzt, machen wir diese Übung immer nur kurz. Vielleicht 4 bis 5 Mal am Tag für 10 Minuten.

  1. In der Lücke sein

Sobald die Lücke gefunden ist, versuchen wir hier zu verweilen. Für einen Augenblick, ein paar Sekunden, dann Minuten.

Wir bleiben bei den Körperempfindungen, spüren sie. Wie fühlen sie sich an? Sind sie unangenehm? Unerträglich? So sehr, dass wir versuchen sie so schnell wie möglich loszuwerden? Dass wir unbedingt etwas unternehmen müssen, damit sie weggehen?

Doch diesem Drang müssen wir widerstehen, um in der Lücke zu bleiben.

  1. Den Mechanismus beschreiben

Hier in der Lücke müsste nun der Auslöser für die Reaktionen zu finden sein.

Was ist es, was die primären Körperempfindungen und die Reaktion miteinander verbindet? Es muss doch irgendetwas geben, was die Tatsache entgegennimmt und verändern will.

Was ist dieser Mechanismus, durch den die Reaktionen entstehen? Wie könnte er aussehen? Ist es ein Knopf? Eine Verdrahtung? Ein Programm?

Was ist der Grund für die Reaktion? Was ist die Erklärung?

„Ich bleibe nicht ruhig im Umgang mit meinem Partner“. Und es fühlt sich so an, als würde es eine feste Verdrahtung zu den dann folgenden Reaktionen geben.

„Ich habe keine Frau, die mich liebt und mir Geborgenheit gibt“. Und es scheint dann ein Programm zu starten, das die Reaktionen auslöst.

Es ist wichtig zu wissen, wonach wir in der Lücke eigentlich suchen wollen. Daher sollten wir den Mechanismus beschreiben können, eine Vorstellung von ihm haben.

  1. Den Mechanismus suchen

Wenn wir es schaffen für ein paar Minuten stabil in der Lücke zu bleiben, die Empfindungen nicht zu stark sind, dass sie uns ablenken und ohne in die Reaktion zu rutschen, können wir mit der Suche nach dem Mechanismus anfangen.

Wir schauen danach wie nach dem Ich. Wenn es den Mechanismus, den Knopf, die Verdrahtung, das Programm wirklich gibt, dann müsste es – wie die Körperempfindungen und die Reaktionen – zu erfahren, zu spüren sein.

Einfach beobachten, was abläuft. Nach einer Weile wird es so sein, dass wir den Ablauf in Zeitlupe ansehen können, oder wie unter einem Mikroskop. Als könnten wir die Zeit verlangsamen.

Wo ist der Knopf? Wie sieht er aus? Wo und wann startet das Programm? Wie fühlt sich die Verdrahtung an? Es geht darum ihn wirklich zu erfahren. Konzepte oder Worte helfen hier nicht.

Es kann helfen, den Satz immer mal wieder zu sagen.

Zusammenfassung: Wie werden Wunsch und Widerwillen (Desire and Ill Will) untersucht

Als erstes suchen wir uns einen ruhigen Ort, wo wir für eine Weile ungestört sind. Es kann helfen zunächst zur Ruhe zu kommen. Eine kleine Mediation, ein paar Mal tief atmen…

  1. Den Satz sagen, um sich an die Situation zu erinnern.
  2. Die Körperempfindungen spüren, dabei bleiben. Sie fühlen, ohne sie zu analysieren.
  3. Dem Sog zu reagieren widerstehen
  4. Den Mechanismus suchen
  5. Sobald Reaktionen auftreten – abbrechen

Diese Übung drei bis vier Mal am Tag für maximal 15 Minuten wiederholen.


Wunsch und Widerwillen sind die tiefgreifendsten Fesseln. Es sind die Annahmen wir hätten den Hang nach angenehmen Empfindungen und den Hang, alle unangenehmen Empfindungen vermeiden zu wollen.

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